„Gewalt am Arbeitsplatz darf nicht zur Normalität werden!“

(11.03.2026) Für Beschäftigte in Notaufnahmen oder im Rettungsdienst, für Lehrkräfte sowie für viele weitere Berufsgruppen mit engem Kunden- oder Publikums¬kontakt gehört Gewalt inzwischen beinahe zum Berufsalltag. Schätzungen zufolge haben zwischen zehn und 30 Prozent der Beschäftigten in Deutschland bereits Gewalt am Arbeitsplatz erlebt, sei es in physischer oder verbaler Form. „Gewalt ist ein zentrales Thema – branchenübergreifend, besonders jedoch im Gesundheitswesen und im öffentlichen Dienst. Und die Tendenz ist steigend“, sagt Professor Volker Harth, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM). Damit legt die Fachgesellschaft den Finger in eine hochrelevante gesellschaftliche Wunde und fordert eine klare Null-Toleranz-Strategie gegenüber Gewalt am Arbeitsplatz. „Wir müssen stärker alle verfügbaren Möglichkeiten nutzen, um Gewalt zu verhindern“, appelliert Harth auch in seiner Funktion als Direktor des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) in Hamburg. Den aktuellen Zustand einfach hinzunehmen, sei keine Option. „Wir müssen in Deutschland noch mehr ins Handeln kommen!“

So hat die DGAUM „Gewalt am Arbeitsplatz“ auch zu einem der Schwerpunkte auf ihrem diesjährigen Jahreskongress erklärt, der in einer Woche, vom 18. bis 21. März in München, stattfindet. Ein Symposium, eine Session, eine Keynote und ein Online-Seminar zu Präventionsstrategien möchte die DGAUM nutzen, um über ihre eigenen Mitglieder sowie die anwesende Presse für das Thema zu sensibilisieren. 

Wissenschaftliche Studien zeigen deutlich, dass viele Beschäftigte in Notaufnahmen Gewaltvorfälle inzwischen als Teil ihres Arbeitsalltags hinnehmen. „Sätze wie ‚Das gehört halt dazu‘ hören wir in wissenschaftlichen Befragungen von Mitarbeitenden immer wieder“, berichtet PD Dr. Dr. Stefanie Mache, Leiterin der Arbeitsgruppe Psychische Gesundheit am Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin und Mitarbeiterin von Volker Harth. „Diese Haltung dürfen wir nicht akzeptieren. Gewalt darf am Arbeitsplatz keinen Platz haben – jeder Gewaltvorfall ist einer zu viel.“

Die Anwendung wirksamer Präventionsstrategien sei daher nicht nur eine rechtliche und organisatorische Verpflichtung, betont die DGAUM. Prävention von Gewalt stelle auch einen zentralen Baustein für Gesundheit, Sicherheit und Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten dar. Ziel müsse es sein, sowohl körperliche Verletzungen als auch langfristige psychische Folgen zu verhindern – etwa erhöhte Burnout-Risiken oder Erkrankungen wie eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Tendenz gemeldeter Vorfälle steigt

Stefanie Mache und ihr Team stellen deshalb auf dem DGAUM-Jahreskongress ein integratives Schutzkonzept zur Gewaltprävention in Notaufnahmen vor. Dieses kombiniert bauliche, technische, personelle und organisatorische Maßnahmen. „Effektive Prävention erfordert die systematische Umsetzung verschiedener Maßnahmen“, erklärt Mache im Vorfeld. „Dazu gehören beispielsweise Zugangskontrollen in der Notaufnahme, zusätzliche Fluchtmöglichkeiten für Mitarbeitende, Schutzräume, Deeskalationstrainings sowie eine psychosoziale Nachsorge nach belastenden Ereignissen.“ Gewaltprävention müsse dauerhaft als fester Bestandteil der Organisationskultur in Notaufnahmen verankert werden.

Gleichzeitig bleiben aus Sicht von Volker Harth und Stefanie Mache zwei zentrale Fragen bislang unbeantwortet:

  • Erstens: Steigt die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle tatsächlich oder werden Vorfälle heute lediglich häufiger gemeldet, weil das Thema offener angesprochen wird? Mit anderen Worten: Wie entwickelt sich die Situation langfristig und flächendeckend in Deutschland?
  • Zweitens: Welche Maßnahmen zur Gewaltprävention sind besonders wirksam? Wirken bestehende Konzepte vor allem im Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen oder gibt es einzelne Ansätze, die sich als besonders effektiv erweisen?

„Um diese zentralen Fragen beantworten zu können, bräuchten wir verlässliche Zahlen“, sagt DGAUM-Vizepräsident Harth. „Doch genau diese Daten fehlen bislang.“

Deutschlandweites Register zur Erfassung von Gewaltvorfällen gefordert

Um Beschäftigte im Gesundheitswesen besser zu schützen und dem ohnehin zunehmenden Personalmangel nicht zusätzlich durch Gewalterfahrungen Vorschub zu leisten, sei eine zentrale Maßnahme erforderlich: „Wir brauchen ein deutschlandweites Register zur systematischen Erfassung von Gewaltvorfällen und -erfahrungen in Notaufnahmen, um das Ausmaß des Problems besser verstehen und gezielt gegensteuern zu können“, fordert Professor Volker Harth. „Darüber hinaus wäre auch die Evaluation bestehender Präventionsmaßnahmen sinnvoll, um ihre Wirksamkeit zu überprüfen“, ergänzt PD Dr. Dr. Stefanie Mache. „So könnten Maßnahmen strategisch geplant und gezielt umgesetzt, Ressourcen effektiver eingesetzt sowie Zeit und Kosten gespart werden, indem wir besser zwischen besonders sinnvollen und weniger wirksamen Ansätzen unterscheiden.“

Auf der DGAUM-Jahrestagung wollen beide diese Diskussion fortsetzen. 

Gerne lädt die DGAUM Vertreterinnen und Vertreter der Presse ein: 

Keynote Lecture: Gewalt am Arbeitsplatz – Risikobereiche und Ansätze zur Prävention (auch im Livestream)
Prof. Dr. Albert Nienhaus 
Vorsitz von PD Dr. Dr. Stefanie Mache
DGAUM-Jahrestagung, Campus Großhadern München 
Hörsaal 3 / Online Raum 3
Donnerstag, 19. März
13:30 – 14:00 Uhr

Informationen zur Jahrestagung sowie das Tagungsprogramm finden Sie hier.

Akkreditierung: 

Selbstverständlich und sehr gerne akkreditieren wir ausgewiesene hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten für die Teilnahme an der DGAUM-Jahrestagung 2026 in München – vor Ort oder online. Bitte senden hierzu eine E-Mail mit Signatur des Mediums, für das Sie arbeiten, und/oder angehängtem Presseausweis an presse@dgaum.de. Frau Nicole Zubayr, Verantwortliche für die Verbandskommunikation, wird Ihnen dann die Vor-Ort-Akkreditierung oder den Link für den Livestream übermitteln.

Prof. Dr. Med. Volker Harth, PD Dr. Dr. Stefanie Mache
Foto-Credit: links: DGAUM/Scheere, rechts: Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)